Fluch oder Segen? ChatGPT ist in vielen Schulen längst allgegenwärtig.

Nicht mehr wegzudenken

Es gibt keinen Zweifel mehr, dass Chatbots wie ChatGPT die Bildungslandschaft verändern werden. Lehrer und pluspunkt-Redaktionsmitglied Dr. Daniel Kittel begegnet dem KI-Modell ohne Vorbehalte und setzt es mittlerweile nahezu täglich in seinem Unterricht an einer Realschule ein. Ein Erfahrungsbericht.

  • ChatGPT unterstützt meine tägliche Arbeit als Lehrkraft
  • Jede Lehrkraft sollte sich mit diesem KI-Chatbot beschäftigen
  • Die KI hilft und entlastet beim Texten, Differenzieren und Organisieren
AUTOR/-IN Dr. Daniel Kittel, Gabriele Albert | FOTO KI Midjourney, xxx | DATUM: 23.08.2023

Mir war von Anfang klar, dass dieses neue KI-Tool meinen Unterricht grundlegend ändern wird. Ich stehe digitalen Neuentwicklungen generell offen gegenüber, bin ein neugieriger Mensch und habe direkt nach der Freischaltung von ChatGPT ausprobiert, wie meine Schülerschaft und ich als Lehrkraft von der KI profitieren können.

Beispiel: Texte schreiben

Ich setze den Chatbot hauptsächlich im Fach Deutsch ein. Wenn meine Schülerinnen und Schüler das Schreiben von Texten in verschiedenen Textsorten üben, werden diese mit der KI verbessert – und zwar in mehreren Schritten. Zuerst lasse ich die Texte in der Schule ohne Hilfsmittel schreiben. Danach werden diese bei ChatGPT eingegeben und die KI gibt eine erste Einschätzung zu Form und Inhalt. Dafür wird sie mit sogenannten „Prompts“ (Befehlszeilen) gefüttert. Diese können einfach sein oder mehrere Strukturelemente enthalten. Einfach wäre: „Schreibe eine Einleitung zum Thema Klimaveränderung.“ Mögliche Strukturelemente wären: „Nenne Personen“ oder „Verwende Stilvorgaben wie sachlich, informell oder lustig“. Die von der KI vorgeschlagenen Verbesserungen werden daraufhin von den Lernenden eingearbeitet. Die nächste Version wird noch einmal der KI zugespielt – mit der Aufforderung, den Text inhaltlich und sprachlich weiter zu verbessern. Diese Optimierung wird dann Teil der Diskussion und des Lernfortschritts. Dabei lasse ich die beiden letzten Texte gegenüberstellen und fordere meine Klasse auf, die Unterschiede und die Verbesserungsvorschläge der KI zu bewerten. Die Schülerinnen und Schüler lernen auf diese Weise, die Leistung der KI zu analysieren und wie sie mit deren Hilfe Texte verbessern können. Sie lernen aber auch, Schwachstellen und Fehler der KI zu entdecken, nicht alle Vorschläge kritiklos zu übernehmen und vor allen Dingen eins: wie wichtig es ist, den ersten Entwurf selbst zu schreiben.

Beispiel: Differenzieren

Ich lasse mir von ChatGPT Übungen zu Sprache und Inhalt erstellen, um lernschwächeren oder auch sehr lernstarken Schülerinnen und Schülern Übungen an die Hand geben zu können, die ihrem Leistungsstand entsprechen. Die Lernenden können die KI auch selbst nach Aufgabenstellungen fragen, um sich zu verbessern. Einfache Prompts können hier sein: „Schreibe den Text in einfacher Sprache“, „Kürze den Text“ oder „Verwende weniger Fachwörter“.

Beispiel: Organisation

Oftmals zeitfressende administrative Aufgaben wie das Schreiben von Elternbriefen zu Ausflügen, Klassenfahrten oder Museumsbesuchen kann die KI übernehmen und mich auf diesem Weg wirklich spürbar zeitlich entlasten. Sie erstellt mir einen ersten Entwurf, den ich dann nur noch etwas überarbeiten muss.

Fazit

Ohne Zweifel werden KI-Tools wie ChatGPT zukünftig einige Lehrfunktionen übernehmen. Nicht abnehmen werden sie der Lehrkraft ihre Aufgaben in Bezug auf ihre Vorbildfunktion, die Berücksichtigung der Lehrmethodenvielfalt und die auf die jeweilige Klasse abgestimmte Unterrichtsplanung. Auch die wichtige Funktion der Reflexion und der kritischen Einordnung, die feste Bestandteile des Unterrichts sein sollen, kann und wird die KI nicht so leisten können wie eine erfahrene Lehrkraft.
Ich empfehle jeder Schule, im Kollegium und gemeinsam mit der Schülerschaft über den Einsatz von KI zu diskutieren und auf die Grenzen und Risiken dieser neuen Technik aufmerksam zu machen. Dabei sollte man das Neue nicht schlechtreden. Ein kritischer Punkt darf dabei nicht unter den Tisch fallen: ChatGPT macht keine Angabe zu den verwendeten Quellen. Unklar bleibt also, auf welche Weise der komplexe Algorithmus die Eingabe verarbeitet und in eine Antwort übersetzt, welche Quellen er dabei berücksichtigt und wie er Informationen zueinander in Beziehung setzt. Diese Intransparenz, die sich auch auf die technisch-funktionale Ebene erstreckt, wird häufig als Black-Box-Problem bezeichnet. Es führt dazu, dass die Wahrhaftigkeit der ausgegebenen Informationen nicht ohne weitere Recherchen bewertet werden kann. Da sich die KI aber permanent und sehr schnell weiterentwickelt, könnte auch das sich bald ändern.

Ein KI-Chatbot ist ein technisches Dialogsystem, das den Dialog zwischen Mensch und technischem System ermöglicht. Der Chatbot basiert auf künstlicher Intelligenz und versteht menschliche Sprache auf Basis des Natural Language Processing – das System verarbeitet also nicht reine Keywords, sondern versteht die Intention eines Nutzers oder einer Nutzerin innerhalb der Nachricht.

Daniel Kittel unterrichtet an einer Realschule in Baden-Württemberg und nutzt im Unterricht ChatGPT.