Ohr und Signalleuchte Illustration
Eine gute Raumakustik in Lernräumen wird oft unterschätzt. Dabei ist sie für den Lernerfolg maßgeblich

Klingt gut

Raumgestaltung, Alarmierung im Notfall, Kommunikation: Wie gelingen Prävention und Sicherheit an einer Schule für Kinder und Jugendliche mit Hör- und Sprachbehinderungen? Ein Besuch der Lindenparkschule in Heilbronn gibt Antworten und liefert Impulse für andere Schulen.

  • Nicht nur Hörgeschädigte profitieren von optimierter Raumakustik
  • Verbesserte Lernbedingungen sorgen für optimale Bildungschancen
  • Alarmierung im Notfall muss Handicaps der Schülerschaft berücksichtigen
Stefan Layh, Redakteur Universum VerlagBild: Flashback Photography / Denis Bayrak

Wie viele rechte Winkel findet ihr auf dem Arbeitsblatt?“, fragt Nicole Struckmeyer die Kinder ihrer fünften Klasse an der Lindenparkschule in Heilbronn. „Sucht und markiert sie alle.“ Das Mikrofon, das ihr um den Hals baumelt, blinkt rot. Die Mädchen und Jungen hören aufmerksam zu, unterstützt durch Hörhilfen, die mit dem Umhänge-Mikrofon der Lehrkraft synchronisiert sind. Ein Schüler achtet besonders aufmerksam auf die Gebärden, mit denen seine Mathematiklehrerin das Gesagte unterstreicht. „Er ist an Taubheit grenzend schwerhörig. Bei ihm zu Hause ist Gebärdensprache die Muttersprache“, erklärt Nicole Struckmeyer. „Die anderen in der Klasse haben eine Hörbehinderung. Sie folgen dem Unterricht mithilfe von Hinter-dem-Ohr-Hörgeräten oder Cochlea-Implantaten.“

Weil deren Wirksamkeit mit steigender Entfernung nachlässt, kommt hier eine moderne digitale  Übertragungsanlage zum Einsatz, die Gesprochenes direkt auf die Hörgeräte bringt. Zu diesem Zweck trägt die Mathelehrerin ein Mikrofon um den Hals, ein weiteres steht auf dem Tisch in der Mitte des Sitzkreises, um Wortmeldungen aus der Klasse einzufangen. Die drahtlose Tonübertragung sowie die lautsprachunterstützenden Gebärden und das Mundbild der Lehrkraft helfen den Kindern, trotz unterschiedlich ausgeprägter Hörbehinderungen auch komplexere Arbeitsanweisungen und Erklärungen zu verstehen. “Wir können so die Ressourcen aller Beteiligten schonen“, sagt Nicole Struckmeyer. „Dadurch können die Schülerinnen und Schüler den Unterrichtsgesprächen leichter folgen und sich besser auf den Inhalt konzentrieren.“

PROFIS FÜR HANDICAPS

Die Heilbronner Lindenparkschule ist ein Staatliches Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ) für Kinder und Jugendliche mit den Förderschwerpunkten Hören und Sprache, Träger ist das Land Baden-Württemberg. Die sonderpädagogische Betreuung für hörgeschädigte Kinder beginnt hier bereits im Schulkindergarten, wo sich Fachlehrkräfte, sonderpädagogische Fachkräfte sowie zwei Praktikantinnen oder Praktikanten um derzeit 15 Vorschulkinder mit Handicaps kümmern. Das Förderangebot für Jungen und Mädchen mit Sprachbehinderung beginnt mit der Sekundarstufe. „In dieser Altersgruppe ab Klassenstufe 7 sind wir das einzige staatliche SBBZ in Baden-Württemberg, wir haben hier Schülerinnen und Schüler aus allen Ecken des Bundeslandes“, erklärt Schulleiterin Alexandra Müller-Otto. Auch deswegen sei das der Schule angeschlossene Internat auf dem weitläufigen, parkähnlichen Gelände am Wartberg während der Woche mit 56 Plätzen voll belegt. Insgesamt besuchen rund 290 Schülerinnen und Schüler die Lindenparkschule, wo sie einen Hauptschulabschluss oder einen mittleren Bildungsabschluss machen können.

UNÜBERSEHBARE NOTFALLSIGNALE

Wichtige Aspekte, die neben dem Wohlergehen auch für die Sicherheit der Schülerschaft eine Rolle spielen, hat Armin Hagendorn im Blick. Als Verwaltungsleiter der Lindenparkschule steht er mit den Fachkräften für Arbeitssicherheit für den inneren und den äußeren Schulbereich im Austausch. „Ein großes Thema ist die Alarmierung in Notsituationen, die mit Blick auf die Hörgeschädigten nicht ausschließlich akustisch erfolgen darf“, erklärt er. Eine Lösung sind zusätzliche Lichtsignale in allen Bereichen, in denen sich Personen aufhalten. An Decken oder Wänden befinden sich Warnlampen, die rund und rot sind oder pyramidenförmig und blau. „Die roten Lichtsignale werden bei Feueralarm aktiviert, um alle Personen zum Verlassen der Gebäude aufzufordern“, erklärt Hagendorn. „Die blauen leuchten bei anderen Gefahrenlagen.“ Ergänzt werde die Alarmierung in allen Bereichen des Schulgeländes durch Ansagen über die Lautsprecheranlage. Beim Feueralarm in der Nacht erfolgt für die Gehörlosen und Hörgeschädigten im Internat eine zusätzliche Alarmierung durch ein Vibrieren der unter dem Kopfkissen oder der Matratze platzierten „Rüttelkissen“.

GUTE RAUMAKUSTIK HILFT ALLEN

Die vielerorts unterschätzte Bedeutung der Raumakustik in Lernräumen für die Gesundheit aller Anwesenden sowie für den Lernerfolg ist hier offensichtlich – und lädt andere Schulen zur Nachahmung ein. „Mündlicher Unterricht funktioniert nur, wenn alle aufmerksam zuhören können“, sagt Schulleiterin Alexandra Müller-Otto. Wer mit dem Hören Schwierigkeiten habe, sei umso mehr auf eine optimale Raumakustik angewiesen. „Lärm und Halligkeit erschweren die Sprachverständlichkeit zusätzlich. Das ist für alle Personen im Raum sehr belastend, physisch und psychisch.“ Eine direkt hörbare Verbesserung bieten Schallabsorptionsflächen. „Auch an anderen Schulen ist eine gute Raumakustik erforderlich und wichtig, bei uns dagegen ist sie unverzichtbar“, betont Armin Hagendorn. Die Erfolgsformel: Mehr Schallabsorption bedeutet weniger Nachhallzeit. „Unser Schulgebäude ist  gespickt mit schallreduzierenden Maßnahmen, von denen man viele auf den ersten Blick gar nicht als solche erkennt.“ Von vielen Decken hängen frei schwebende Paneele, die neben dem von unten kommenden Direktschall auch den Nachhall von der Zimmerdecke effektiv dämpfen. Dazu kommen Deckenbereiche, die zur Schallminderung mit Löchern unterschiedlichen Durchmessers durchsiebt sind und – etwa in einigen  Pausenräumen – spezielle Holzverschalungen mit demselben Effekt. „Insgesamt haben wir 26 akustisch optimierte Klassenzimmer zur Verfügung“, so Armin Hagendorn, „dazu kommen Gemeinschaftsräume mit geringem Störschall und kurzer Nachhallzeit.“

MEHR TEILHABE, BESSERE CHANCEN

Neben den akustischen Anpassungen dienen viele weitere Maßnahmen an der Lindenparkschule einem übergreifenden Ziel. „Wir wollen hier jungen Menschen mit Hör- und Sprachbehinderungen soziale und gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen“, sagt Alexandra Müller- Otto. Alle sollen im Rahmen ihrer  Voraussetzungen optimale Bildungschancen bekommen. „Um Lesen, Rechnen und Schreiben zu lernen, brauchen hier viele etwas mehr Zeit“, erklärt die Schulleiterin. „Deswegen haben die Schülerinnen und Schüler in der Grundschule insgesamt fünf Schuljahre zur Verfügung.“ Davon profitiert auch Nicole Struckmeyers fünfte Klasse, die sich derzeit im Abschlussjahrgang der Grundschule befindet. An die Tafel ist eine Tabelle mit den Spalten „Hilfe!“, „Fertig“ und „Kontrolle“ geschrieben. Daneben hängen Haftschilder mit den Namen aller Kinder. Diese platzieren sie je nach Arbeitsstatus in der entsprechenden Spalte. Dann weiß ihre Lehrerin auch ohne Worte und große Unruhe im Klassenzimmer, was zu tun ist. „Der Hilfsbedarf ist groß“, sagt sie. Während alle in der Klasse auf ihren Arbeitsblättern nach rechten Winkeln suchen, tauchen wie zur Bestätigung rasch zwei, drei, vier Namen in der „Hilfe!“-Spalte an der Tafel auf. Nicole Struckmeyer schaltet ihr Mikrofon stumm, um die anderen nicht zu stören, und klärt eine Frage nach der anderen. Erst als alle Namen im Feld „Fertig“ hängen, knipst sie das Mikrofon wieder an. Das schont die Stimmen, Nerven und Ressourcen – ein Gewinn für alle, auch in einem akustisch optimierten Klassenzimmer.

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